Trockener Streuselkuchen hat in manchen Gegenden den Spitznamen "Beerdigungskuchen", weil er dort sehr oft aus diesem Anlass zum Kaffee für die Trauergemeinde aufgetischt wird. Heute gilt er als eher schlichter Vertreter der Blechkuchen, aber das war nicht immer so. Die Zutaten Butter, feiner Zucker und Weißmehl waren bis ins 19. Jahrhundert hinein für einfache Haushalte echte Luxuswaren, die man sich nur zu besonderen Gelegenheiten leistete, also keineswegs einfach so am Sonntag. Vor dem 16. Jahrhundert wäre die Streuselauflage gar nicht denkbar gewesen, weil es vorher keinen fein raffinierten Zucker gab. Erfunden werde konnte der häusliche Blechkuchen auch erst, als es Kochherde mit eingebautem Backofen gab, was vor dem 18. Jahrhundert hierzulande nicht der Fall war. In weiten Teilen Norddeutschlands wurde noch wesentlich länger auf offenen Feuerstellen gekocht, weshalb man dort nur kleine runde Kuchen in Tortenpfannen backen konnte.

Der Streuselkuchen dürfte eine deutsche Erfindung sein; er kam mit deutschen Einwanderern im 19. Jahrhundert in die USA und heißt dort noch heute german streusel cake. Engländer und Franzosen buken ihre Kuchen in den erwähnten Tortenpfannen, der englische crumble ist noch keine 100 Jahre alt. (1)

Vor dem 18. Jahrhundert gibt es aber auch in Deutschland noch keine Hinweise auf die Existenz von Streuselkuchen. Älter sind auf jeden Fall so genannte Kaffeekuchen vom Blech, die nach dem Backen mit Zucker und/oder Zimt bestreut wurden. Im Gegensatz zu Obstkuchen waren sie nicht an eine bestimmte Saison gebunden und offenbar in vielen Regionen bekannt.

Der Ursprung der Streusel liegt den Quellen zufolge im Osten; Sachsen, Thüringen und Schlesien werden immer wieder als frühe "Kuchenregionen" genannt und hier dürfte sich die süße Hausbäckerei am frühesten ausgebreitet haben. Das Wörterbuch der Brüder Grimm erklärt Streusel Mitte des 19. Jahrhunderts als "Klümpchen aus (geröstetem) Mehl, Butter und Zucker, die auf den Kuchen gestreut werden" und gibt Belege an für Sachsen, Schlesien, Mähren, die Oberlausitz und Posen. Schon 1820 kommt der Streuselkuchen in einem Wörterbuch für Posen (2) vor, während er in anderen Nachschlagewerken dieser Zeit noch fehlt. In Schlesien scheint der Streuselkuchen ursprünglich zur Feier der Kirchweih (Kirmes) und zu anderen kirchlichen Festtagen gebacken worden zu sein. Der schlesische Schriftsteller Karl von Holtei (1798-1888) schwärmt in mehreren Briefen und Gedichten speziell von diesem Kuchen; den Bericht über ein Kirmesfest Ende der 1830er Jahren beschließt er mit dem pathetischen Satz: "Welches schlesische Gemüth würde nicht aufs Innigste ergriffen, denkt es an Streuselkuchen, an dies Wahrzeichen unseres Vaterlandes." (3)

Das älteste mir bekannte Rezept steht in einem Berliner Rezeptbuch aus dem Jahr 1795, allerdings unter dem Titel "Spanischer Streußelkuchen", woraus aber nicht auf einen ausländischen Ursprung geschlossen werden kann. "Spanisch" waren in diesem Fall wohl die Zitronen als Zutat. Die Verbreitung dieses Kuchens innerhalb der deutschen Regionen war bis in unsere Zeit hinein sehr unterschiedlich. Dies mag beispielhaft ein Zitat belegen: "Interessant, weil anregend für alle Hildesheimer Bäckereien, war der Umstand, dass aus dem deutschen Osten vertriebene Bäckermeister (nach dem Zweiten Weltkrieg, erg.) ganz neue Kuchen mitbrachten, aus Schlesien in erster Linie den Streusel-, Käse- und vor allen Dingen den Mohnkuchen (...) Ein Hildesheimer Bäcker kannte in der Regel nur (...) den Zuckerkuchen." (4)

Anzumerken ist noch, dass sowohl die Deutschamerikaner in Pennsylvania als auch viele Russlanddeutsche den Streuselkuchen als "Riwwelkuchen" kennen, eine südhessisch-pfälzische Bezeichnung. Die erste Auswanderungswelle aus der Pfalz Richtung Amerika setzte schon 1709 ein, aber auch im folgenden Jahrhundert kamen tausende Immigranten aus dieser Region. Die deutsche Auswanderung nach Russland begann 1763, dauerte aber ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert hinein an. Ein Buch über die Pfälzer aus dem Jahr 1857 berichtet von "Bergen von Kuchen" zur Kirchweih, geht aber nicht weiter ins Detail. Aufgrund der schlechten Quellenlage lässt sich die Entstehung des "Riwwelkuchens", die unabhängig von Schlesien erfolgt sein könnte, zeitlich nicht einordnen.

1 Alan Davidson, The Oxford Companion to Food, 2. Aufl. New York 2001
2 Christian Samuel Bernd, Die deutsche Sprache in dem Grossherzogthume Posen und einem Theile des angrenzenden Königreichs Polen, Bonn 1820
3 Irene Krauß, Chronik bildschöner Backwerke, Stuttgart 1999, S. 77
4 Manfred Overesch, Hildesheim 1945-2000. Neue Großstadt auf alten Mauern, Hildesheim 2006

Historische Rezepte:
 

Spanischer Streußelkuchen

"Dazu nimmt man 1/2 Metze Weitzen-Mehl, 1/2 quart Hefen, 1/2 quart Sahne, 1 Pfd. Rosinen, 1/2 Pfd. Mandeln, 1 Mandel Eyer, um einen Silbergroschen Zimmt und Muskathenblumen und von einer Zitrone die Schaale. - Nimm das Mehl, thue es in eine Schüssel, behalte aber noch etwas zurück und gieße die Hefe darin so auch die Butter, welche zuvor zerlassen worden ist, aber nicht alle, und dann die übrigen Ingredienzien. Von den Eyern wird das Weiße zurück behalten und ganz zuletzt zu Schaum gerührt und darunter gethan. Wie nun der Teig gut untereinander gerührt ist, wird er auf den Tisch, welcher zuvor mit Mehl bestreut ist, glatt gemangelt, und auf (mit) Butter beschmiertem Papier auf das blecherne Brett (= Kuchenblech) gelegt und in den Ofen gestellt. Wenn er halb gahr ist, kommt der Streußel drauf. Zum Streußel wird Mehl mit Butter und Zucker zusammen gerührt." Anm.: 1 Metze = 3,5 kg, 1 quart = 1,2 Liter, 1 Mandel = 15 Stück

Wie man in Berlin zur Zeit der Königin Luise kochte. Ein gastronomischer Beitrag nach den im Jahre 1795 niedergeschriebenen Aufzeichnungen von F.C. Fontane, Berlin 1905
 

Schlesischer Brünkelkuchen

"Hierzu ein Butterkuchenteig ohne Rosinen und Korinthen von 750 g Mehl. Zum Überstreuen 250 g Zucker, 750 g feines Mehl, 250 g Butter, 60 g gröblich gestoßene Mandeln, 7 g Zimt. Dies alles wird mit der Hand lose durchgemengt, so daß es kleine Krümel werden. Dann wird der Teig, nachdem er gut aufgegangen, auf einer Platte ausgerollt, mit Butter bestrichen und mit obigem Gemengsel bestreut, mit einer Feder noch etwas geschmolzene Butter darüber gesprengt und der Kuchen schnell gebacken."

Henriette Davidis: Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche, Bielefeld 1845


Streusel-Kuchen

"Von obigem Teige (für Königskuchen, erg.) macht man ein fingerdickes Blatt auf das Blech und läßt es aufgehen. Indessen mischt man mit den Händen eine Hand voll fein gehackte Mandeln, 1 Hand voll Zucker, 1 Seidel Mehl, Limonieschalen, Salz, Zimmt und so viel zerschmolzene Butter, daß man es zu erbsengroßen Bröseln machen kann. Dies streut man auf den mit Ei bestrichenen Teig und bäckt ihn ziemlich warm."

Katharina Prato: Die süddeutsche Küche, Graz 1858


Prasselkuchen

"200 g ungesalzene Butter, 200 g Zucker, 375 g Mehl, der Schnee von 3-4 Eiern, ein klein wenig Zimmet und Zitronenschale werden zusammengerührt, dann kommt eine Messerspitze Hirschhornsalz hinzu. Der Teig wird auf einem Backblech messerrückendick ausgerollt und mit Streusel bestreut. Zu letzterem nimmt man 125 g ungesalzene Butter, 200 g Mehl, 100 g Zucker, etwas feinen Zimmet und mengt dies alles mit einem Löffel durcheinander, bis kleine Kügelchen entstehen. Der Kuchen wird nun in längliche Streifen geschnitten und gebacken. Es ist gut, am Ofen stehen zu bleiben, um die fertigen Stücke gleich fortnehmen zu können. In Blechbüchsen aufbewahrt, bleiben die wohlschmeckenden Kuchen lange "praßlich". Sie eignen sich vorzüglich als Theegebäck."

Margarete von Bennigsen: Deutsches Kochbuch, Stuttgart und Leipzig 1897


Streußelkuchen

"(...) Den Streußel bereitet man auf folgende Weise: Man mengt in einer Schüssel 150 Gramm Mehl mit 60 Gramm fein gestoßenen Zucker und etwas Muskatblüte; hierauf giebt man 150 Gramm heiße, zerlassene Butter hinzu und verrührt es zu einem Teige, den man, sobald er etwas verkühlt ist, mit den Händen zu kleinen Klümpchen formt. Den aufgegangenen Kuchen bestreicht man mit gequirltem Ei, streut den Streußel darauf, läßt denselben etwa 1/2 Stunde im mäßig warmen Ofen backen, bestreut ihn mit fein gestoßenem Zucker und glasiert ihn, indem man eine glühende Schaufel darüber hält."

Helene Richter: Neues illustriertes Kochbuch für die bürgerliche Küche, Berlin um 1900


Feiner schlesischer Streuselkuchen

"ein Lieblingskuchen unseres Kaisers. Man macht entweder einen feinen gelben Hefenteig von 500 g Mehl, 180 g Butter, 8 Eigelb, 30 g Hefe, 3-4 Löffeln Zucker, etwas Salz und der nötigen Milch oder etwas einfacher (...) schlägt den Teig tüchtig, rollt ihn dünn auf mit Mehl bestäubte Bleche aus, läßt ihn aufgehen, bestreicht ihn mit zerlassener Butter, belegt ihn recht dick mit Streusel, besprengt ihn nochmals mit Butter und bäckt ihn im gut geheizten mäßig heißen Ofen schön hellbraun. Dann bepudert man ihn mit Hilfe eines Siebes oder Büchse mit Staubzucker. Dieser Teig reicht für 2 Blechkuchen. (...) Streusel für einen länglich-viereckigen Blechkuchen: 250 g frische Butter wird gekocht, bis sie zum zweitenmal steigt, dann muß sie sofort vom Feuer genommen werden, weil sie sonst überkocht, nach dem ersten Steigen fällt sie von selbst. Dann gießt mau diese Butter, welche durch das Kochen alle Molken und Satzteile ausgeschieden hat, unter Zurücklassung dieser Teile in eine Schüssel, in welcher man vorher schon 250 g Zucker, 1/2 Eßlöffel feinen Zimt, 70 g süße und einige bittere geschälte und geriebene Mandeln gelegt hat (die Mandeln können auch fehlen) und rührt die Masse sofort mit dem Holzlöffel gut durch und gibt so viel Mehl hinzu (ungefähr 500 g), daß die Masse sich zwischen den Händen zu haselnußgroßen, trocknen Klümpchen zusammenballt, die man auf den aufgegangenen, mit Butter bestrichenen Kuchen gleichmäßig und dicht verteilt. Dieser Kuchen ist einer der wohlschmeckendsten Kaffeekuchen."

Mary Hahn: Illustriertes Kochbuch für die einfache und feine Küche, Frankfurt/Main und Leipzig 1912