Jedes Gericht hat eine Geschichte, auch ein so simples wie Kartoffelsalat. Die ersten Kartoffeln wurden Anfang des 16. Jahrhunderts von den Spaniern aus Südamerika nach Europa gebracht. Es dauerte aber einige Zeit, bis sie sich einen Platz in der Küche erobert hatten, die Verbreitung verlief in den einzelnen Ländern auch alles andere als geradlinig. Als "Erfinder" des Kartoffelsalats kommen vor allem die Nationen in Betracht, in denen relativ früh mit dem Kartoffelanbau begonnen wurde: Spanien, Italien und die britischen Inseln, gefolgt von den deutschen Regionen. Zum ersten Mal erwähnt wird die Zubereitung von Kartoffeln als Salat mit Essig, Öl und Salz 1597 in einem englischen Buch von John Gerard. Das älteste deutschsprachige Rezept stammt aus dem Jahr 1621, genauer aus einem österreichischen Kloster. Da müssen wir den Briten wohl den Vortritt lassen. Dafür gilt warmer Kartoffelsalat mit Speck als typisch deutsch; er wird in den USA noch heute als German potato salad bezeichnet. Mit Mayonnaise wird Kartoffelsalat bei uns und auch in Amerika erst seit dem 20. Jahrhundert angemacht, vorher war das nicht üblich. Eine Auswahl historischer Rezepte in chronologischer Reihenfolge: Ohne Titel "Salat kannst du aber aus den Knollen (der Kartoffeln, erg.) auf folgende Weise herstellen: Nimm diese Bacaras oder Papas, reinige sie, koche sie weich und schneide sie in Scheiben, füge Öl, Essig, Pfeffer, Salz oder Zucker hinzu und koste." Rezept aus der Chronik des Benediktinerstifts Seitenstetten aus dem Jahr 1621 (Zitat aus Julia Danielczyk/Isabella Wasner-Peter (Hg.): "Heut' muß der Tisch sich völlig bieg'n". Wiener Küche und ihre Kochbücher, Wien 2007) Erd-Aepffel warm und kalt zuzurichten "Lasset sauber gewaschene Erd-Aepffel im Wasser sieden, biß sie bald weich und die Haut herab gehet. Schälet solche ab, schneidets zu Plätzlein, lassets in Fleischbrüh mit Muscatenblüh, Pfeffer, Ingwer und geröstetem Mehl sieden, dass die Brüh etwas dicklicht wird, werfft bey dem Anrichten ein Stuck Butter hinein. Wer will kann die Erd-Aepffel auch gantz lassen, absonderlich wann sie nicht zu groß seyn. Man pfleget solche auch kalt mit Oel, Eßig, Pfeffer und Saltz, nachdeme sie vorhero abgesotten, zuzurichten und als einen Salat zu geniessen." Wolf Helmhard Freiherr von Hohberg: Georgica curiosa aucta, Das ist: Umständlicher Bericht und klarer Unterricht Von dem Adelichen Land- und Feld-Leben, Nürnberg 1682 (zitiert nach Peter Peter, Kulturgeschichte der deutschen Küche, München 2008, S. 91) Kartoffelsalat "Wenn die Kartoffeln gekocht und geschält sind, werden sie auf der Salat-Schaale in Scheiben geschnitten und mit Essig, Oel, Salz und Pfeffer angemacht, auch kann man von einem hart gekochten Ei das Gelbe zerreiben und mit etwas Senf dazu thun. Sodann schält man ein hart gekochtes Ei ab (...) und stellt es in die Mitte auf die Kartoffeln, hackt 2 harte Eier nebst Dotter, Sardellen, Beeten, Zwiebeln, Petersilienkraut und Kapern, jedoch jedes separat, streut davon um das Ei Kränze von abwechselnden Farben und giebt es zur Tafel." Catharina Fehre: Livländisches Koch und Wirthschaftsbuch für große und kleine Haushaltungen, Riga 1823 Kartoffelsalat für den gewöhnlichen Tisch "Ganz weich gekochte Kartoffeln werden in Scheiben geschnitten und bei möglichstem Warmhalten mit nachstehender Sauce recht saftig vermengt: Man rühre gutes Öl, Essig, Milch, Pfeffer, Salz und feingeschnittene Zwiebeln, insofern letztere von allen Tischgenossen gegessen werden. (...) Anmerkung: Zur Ersparnis des Öls wird in Gegenden, wo Gänse geschlachtet werden, häufig geschmolzenes Gänsefett zum Kartoffelsalat angewendet." Henriette Davidis: Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche, Bielefeld 1845 Warmer Kartoffelsalat "Die geschälten Kartoffeln werden heiß in Scheiben geschnitten und in einer Kasserolle, in der man eine dem Salat entsprechende Menge Essig mit Wasser, Salz, Pfeffer, 1 Prise Zucker, Öl und 1 sehr fein geschnittene Zwiebel heiß gemacht hat, geschwenkt. Der Salat muß saftig, nicht trocken sein. An Stelle des Öls kann man auch kleinwürfelig geschnittenen, ausgebratenen Speck hinzufügen." Mary Hahn, Illustriertes Kochbuch für die einfache und feine Küche, Leipzig 1912 Kartoffelsalat mit Sahne oder mit Mayonnaise "Um einen blendendweißen Kartoffelsalat zu bereiten, kocht man längliche, nicht zu mehlige Kartoffeln mit der Schale, schält sie, schneidet sie in feine Scheiben und vermengt sie vorsichtig mit saurer Sahne, dem nötigen Essig, Salz und etwas weißem Pfeffer. (...) Oder man rührt eine Mayonnaise von 2 rohen Eigelb, 1/4 L Öl, Salz und Pfeffer, verdünnt sie mit einigen Löffeln gutem Essig und mengt die Kartoffeln damit durch." Mary Hahn, Illustriertes Kochbuch für die einfache und feine Küche, Leipzig 1912 |