Eiskalte Leidenschaft – Italienische Eismacher im Ruhrgebiet
Posted by Petra Foede on 01 Aug 2010 | Tagged as: Bücher, Kulturgeschichte
Die Gelatieri waren die ersten Italiener, die den deutschen Gaumen eroberten, lange vor den Pizzabäckern. Die ersten waren schon vor 1900 im Sommer mit ihren Eiskarren in Wien und Süddeutschland unterwegs, ehe sie dann auch das Ruhrgebiet und den Norden erreichten. Wie die italienischen Eismänner über die Alpen zu uns kamen, zeigte im vorigen Jahr eine Ausstellung im LWL-Industriemuseum in Bochum. Unter dem Titel Eiskalte Leidenschaft. Italienische Eismacher im Ruhrgebiet ist dazu auch ein Katalog erschienen, der nicht nur historische Fotos und interessante Exponate enthält, sondern auch acht Aufsätze zum Thema.
Es ist nicht unbedingt ein Buch zum Schmökern, sondern schon eher was für Leute, die sich für die Geschichte der Eisdiele oder des Ruhrgebiets interessieren. Aber allein die alten Schwarzweiß-Fotos von Eismachern und Eiscafés haben ihren Reiz. Warum „unsere” Gelatieri fast alle aus zwei kleinen Tälern in den norditalienischen Dolomiten kommen, während die in England schon im 19. Jahrhundert aus der Emilia-Romagna stammten und die in Schottland aus der Toskana, das weiß letztlich niemand so genau. Fest steht nur, dass Antonio Tomea aus Zoppé im Zoldotal schon 1860 mit persönlicher Erlaubnis des Kaisers im Wiener Prater Eis verkaufte. Es dauerte nicht lange, bis ganze Heerscharen von Eismachern ihr Glück in Österreich-Ungarn und dann auch in Deutschland suchten.
Im Ruhrgebiet hatten die Eisdielen ihre erste Blütezeit in den 1930er Jahren. Die Männer machten das Eis, die Frauen bedienten. In den Fünfziger Jahren wurden Eissalons zum Treffpunkt der Jugend, was nicht nur am Eis lag, sondern auch am Ambiente und der Musikbox. Die Auswahl war damals noch ziemlich bescheiden, Standard waren fünf Sorten: Vanille, Schokolade, Erdbeer, Zitrone und Mokka. Und es gab auch noch keine Tische und Stühle im Freien, sowas kannte man in Deutschland noch gar nicht. Man wollte sich beim Eisessen von draußen auch nicht zugucken lassen, deshalb hatten die großen Schaufenster der Eisdielen immer eine Gardine. So war das damals, als noch niemand bei uns Cappuccino oder Latte Macchiato aussprechen konnte.
Anne Overbeck/Dietmar Osses (Hg.): Eiskalte Leidenschaft. Italienische Eismacher im Ruhrgebiet, Klartext Verlag, Essen 2009. 146 Seiten (19,95 Euro)
9 Comments »







Als waschechte Bochumerin kann ich Deinen schönen Bericht nur unterstreichen. Die Ausstellung habe ich natürlich mit Freunden gesehen und anschließend wurde italienisch gekocht.
Klingt spannend. Die besonderen regionalen Beziehungen liefen vermutlich über Mund-Propaganda. “Liebe Verwandtschaft zu Hause in der Toskana, kommt doch zu uns nach Schottland! Das Wetter ist zwar mies, dafür sind die Schotten verrückt nach Eis!”
Traditionsreiche Eisdielen haben wir hier in Würzburg nicht, aber dafür die älteste Pizzeria Deutschlands.
Vor 2 oder 3 Jahren lief zu diesem Thema eine wunderbare Dokumentation auf arte. Leider weiß ich den Titel nicht mehr.
Mein Mann ist ja Schotte und er erzählt, in seiner Heimatstadt Dundee war “sein” Eisladen von, wenn ich mich richtig erinnere, Familie De Lanzo… und er tippt auf Napoli oder in der Ecke, genau so wie die Leute mit dem “Chip shop” der “the Amalfi” hieß… aber das war im 20. Jahrhundert
Keine Toscaner dort.
Interessant ist dieser Fakt der regionalen Eismacher auf jeden Fall…
wusste ich vorher nicht in dieser Art, denn ich hörte viel von den Süditalienern in Schottland… und über die “hier” hab ich mir noch keine Gedanken gamacht, speziell im geschichtlichen Sinne.
Zur kleinen Sortenauswahl: Ich kann mich dunkel erinnern, dass mein Burder in den späten 60ern lange Fahrten unternahm zu einem Laden, der Bananeneis hatte…
aber wir hatten “Eis Hennig” um die Ecke in Berlin und die hatten mindestens ein Dutzend Sorten (in den 60ern +70ern und später noch mehr) aber kein Bananeneis, die waren soweit ich weiß keine Italiener. Bei dem Namen…
@Monika: Seit den 60er Jahren haben die Sorten in den Eisdielen allgemein ganz stark zugenommen. In den 70ern gab es dann schon Malaga und Stracciatella, sogar in der Provinz
Berlin ist ein interessanter Fall, was die Eisdielen angeht, hier haben nämlich nie Italiener dominiert. Vielleicht haben sich da die heimischen Konditoren im Wettbewerb durchgesetzt. Eis Hennig ist wohl die zweitälteste Eisdiele in Berlin, die es seit 1930 gibt. Die älteste heißt Café Monheim und ist in Wilmersdorf (seit 1928). Vielleicht schaffe ich es mal, eine Liste der ältesten noch existierenden Eisdielen in Deutschland aufzustellen
das mit den Gardinen gab’s im Schwäbischen auch noch in den 60ern und vielleicht 70ern in den Cafés. Sonst könnte man ja sehen, wer “am hellichten Tag” im Café rumlungert.
Dafür gibts bei uns in Esslingen Eis schon seit 1901.
Schöne Grüße
Tine
@Tine: Eine Eisdiele seit 1901? Wow, wenn es die heute noch gibt, dann ist das vermutlich die älteste in ganz Deutschland
meines Wissens ist es die zweitälteste Deutschlands. Aber frag mich jetzt bitte nicht, wo die älteste ist.
Giulio Bertazzoni kam 1896 nach Esslingen – ich glaube als Bauarbeiter zur Eisenbahn. Und dann ist er hängen geblieben.
http://www.filder-zeitung.de/inhalt.aelteste-eisdiele-eiskalte-leidenschaft-mit-tradition.2f58dcf5-d351-45f2-8649-21facdcea1a8.html
Mein Mann sagt, nachdem ich ihm das erzählt hatte, das das nicht stimmt mit den Italienern aus der Toscana in Schottland…
wir haben grad ganz kurz recherchiert und fanden, dass im 19 Jh nur etwa 150 Italiener oder so in Schottland waren… und die hauptsächlich katholische Figuren verkauften…
er hat in Dundee praktisch nur Neapolitaner gehabt und das war in den 1950ern.
Nur so, als kleinen persönlichen Bericht.
Hoffe, du kannst was damit anfangen.
Das mit den “Nicht-Italienern” in Berlin ist interessant.
Hennig war für viele DER Eisladen in Steglitz und wir wohnten etwa 5 Minuten ab… übrigens ist er glatt gegenüber vom legendären Krasselt’s Imibss!!
Gute Ecke, find ich.