Hier können Familien Kaffee kochen
Posted by Petra Foede on 14 Jun 2010 | Tagged as: Kaffee, Kulturgeschichte
„Kaffee” ist im Deutschen nicht nur ein Getränk, sondern auch eine Mahlzeit und sogar eine Tageszeit. Wenn es heißt, „Komm doch am Sonntag zum Kaffee”, wird niemand auf die Idee kommen, zum Frühstück zu erscheinen. In unserer Familie gibt es den Ausdruck „zur Kaffeezeit” und das ist dann so zwischen 15 und 16 Uhr. Wobei eine Einladung zum Kaffee eigentlich immer automatisch „Kaffee und Kuchen” meint, auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird. Man stelle sich vor, die Verwandtschaft kommt zum Geburtstagskaffee und dann stände auf dem Tisch tatsächlich nur Kaffee … Mindestens ein selbst gebackener Kuchen ist für die Generation meiner Mutter immer noch Ehrensache.
Die ersten Kaffeegärten in Treptow
Die Geburtsstunde des deutschen Nachmittagskaffees fällt ins 17. Jahrhundert – die Reaktion der Frauen auf das Zugangsverbot zu den neuen Kaffeehäusern, in denen sich die Männer trafen. Der teure Kaffee wurde zum Lieblingsgetränk der Vornehmen und Reichen, aber hundert Jahre später war ihm schon das gesamte Bürgertum verfallen. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Berliner Kaffeewirtschaften unter freiem Himmel. Um 1700 war die Spreebudike am Vorwerk Treptow die letzte Raststelle für Reisende, ehe sie mit der Kutsche Berlin erreichten. 1734 erweiterte der damalige Besitzer das Gasthaus um eine Kaffeeschenke mit Kegelbahn und Tischen im Freien für Ausflügler. Bald war es an sonnigen Feiertagen so überfüllt, dass nicht alle Gäste Platz fanden.
Ein paar Auswanderer aus Sachsen, die sich Jahrzehnte später hier niederließen, witterten ihr Geschäft, stellten Tische und Stühle in ihre Obstgärten und kochten Kaffee. 1799 beschwerte sich der Pächter des Gasthauses beim Stadtrat über den „illegalen Ausschank” und bekam Recht. Aber eine besonders gewitzte Siedlerin, Frau Taube, wusste sich zu helfen: Sie stellte ein Schild auf „Hier können Familien Kaffee kochen” und verkaufte statt Kaffee nur noch heißes Wasser – den Kaffee mussten die Ausflügler selbst mitbringen. Das sprach sich schnell herum, und Frau Taube vermietete auch Geschirr …
Natürlich passte der Gaststätte auch das nicht, sie klagte – und verlor. Für den Verkauf von heißem Wasser brauche man keine Genehmigung, befanden die Richter. Bald standen die Schilder „Hier können Familien Kaffee kochen” auch in anderen Ausflugsorten rund um Berlin. Aus der Spreebudike wurde 1822 das vornehme Gasthaus Treptow, das seit 1880 Zenner heißt und mit einem kleinen Vergnügungsprogramm massenhaft Besucher anlockte. Dieses Restaurant existiert heute noch. Auch die kleinen Lokale mit ihren Schildern für Kaffeekocher blieben lange Zeit Publikumsmagneten.
Die Idee blieb nicht auf Berlin beschränkt. Ich weiß nicht, wie weit sich diese Sitte ausgebreitet hat und ob sie bis nach Süddeutschland vordringen konnte, aber in Nordhessen gab es noch bis in die 1950er Jahre Gaststätten, die mit „Hier können Familien Kaffee kochen” warben, zum Beispiel das Steinerne Schweinchen in Kassel.
3 Comments »










Davon höre ich zum ersten Mal, dass die Kaffeekultur auf solch eine putzige Weise begann.
Weißt du zufällig seit wann in Deutschland überhaupt Kaffee getrunken wurde?
Und wie muss ich mir den Kaffee vorstellen, der in den Kaffeegärten gekocht wurde? Hatte man schon Filter(Stoff o.ä.) verwendet oder wurde das Pulver in der Kanne/Tasse einfach mit dem heißen Wasser übergossen?
@Suse: Ich bin mir nicht sicher, ob die Kaffeegärten in Berlin wirklich die ersten ihrer Art waren, vielleicht gab es schon ein paar in anderen Städten zu dieser Zeit, aber das “Hier können Familien Kaffee kochen” ist so entstanden. Kaffeebohnen gab es in Deutschland seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Kolonialwarenläden zu kaufen und zu dieser Zeit entstanden in Städten auch die ersten Kaffeehäuser (für Männer). Im 18. Jahrhundert war Kaffeekochen noch eine ziemlich aufwändige Angelegenheit, die Bohnen mussten zuhause erst noch selbst geröstet und dann gemahlen werden. Am Anfang gab es wohl gar keine Filter, da sammelte sich unten in der Kanne der Kaffeesatz, Ende des 18. Jahrhunderts gab es schon gelochte Behälter mit einem Einsatz aus Leinwand oder einer Art Löschpapier, aber sie waren wohl nicht sehr weit verbreitet. Siebe ohne Einsatz dürften ständig verstopft gewesen sein. Den modernen Kaffeefilter hat erst Melitta Bentz 1908 erfunden. Ich finde das Bild mit dem Häuschen (im Artikel) ganz interessant, da kann man erkennen, dass es eine “Kaffee-Annahme” und eine “Kaffee-Ausgabe” gab. Vermutlich hat man an dem ersten Fenster seine Kaffeedose abgegeben, damit wurde drinnen von der Besitzerin der Kaffee damit aufgebrüht und am anderen Fenster wurde er dann herausgereicht.
Jaja, ich kenn von meiner Mutter den Spruch:
“Ein alter Brauch wird nicht gebrochen, hier könn’ Familien Kaffee kochen” wenn wir über Ausflüge früher etc. redeten.
Danke für die Aufdröselung des Hintergrundes… interessant… ich wunderte mich immer, warum man mit einem Tütchen Kaffee ins Grüne fuhr…
ja früher hat man wohl nur aufgebrüht in der Kanne, wie mans ja auch in naderen Kulturen macht. “Kaffe darf sich setzen, Tee muss ziehen” erklärte mein Vater nach der Frage wer fauler sei, Kaffe (mit einem e war es schlechter kaffee wurde mir auch erklärt) oder Tee.
Dass es vor Melittas Kaffefilter aus dem Löschpapier ihres Sohns (wenn ich mich recht erinnere!??) auch andere “Filteralien” gab, war mir mehr oder weniger unbekannt, aber macht Sinn.