Share in top social networks!

Die liebsten Werbefiguren meiner Kindheit waren der Teddybär von Bärenmarke und Meister Propper. Aber natürlich kenne ich auch Frau Antje, die blond bezopfte Botschafterin des holländischen Käses, die vor fast 50 Jahren ihren ersten Fernsehauftritt hatte. Zwar ist die aktuelle Darstellerin nicht mehr dieselbe wie damals, aber die Tracht mit Flügelhaube und Holzschuhen ist unverändert, und die Deutschen haben die Figur ganz einfach ins Herz geschlossen. Viele Niederländer können mit Frau Antje dagegen nichts anfangen.

Foto: Niederländisches Büro für Milchwirtschaft

Foto: Niederländisches Büro für Milcherzeugnisse

Es heißt zwar oft, dass Frau Antje speziell für den Werbeeinsatz in Deutschland erfunden wurde, zunächst für die Grüne Woche in Berlin, aber ganz so war es nicht. Die holländischen Molkereien warben schon seit 1934 in den Niederlanden und auf ausländischen Messen mit so genannten Kaasmeisjes, also Käsemädchen, die eine ganz ähnliche Fantasietracht trugen wie später ihre Kollegin Antje. Das weiße Häubchen stammt übrigens aus Edam-Volendam in Nordholland. Diese Käsemädchen waren aber nicht auf Dauer im Einsatz und namenlos. Als 1954 die deutsche Filiale des Niederländischen Büros für Milcherzeugnisse (NBM) gegründet wurde, um den Absatz von Gouda und Edamer anzukurbeln, erschien ein Käsemädchen als Logo auf Werbeanzeigen und Broschüren.

Glaubt man Hans Willemse, dem damaligen Leiter des NBM, dann kam das deutsche Kaasmeisje rein zufällig zu seinem Vornamen. 1959 war die Käsebotschafterin auf der Grünen Woche eine Studentin aus Den Haag namens Antje, erzählte er später, und als sie wegen Krankheit ausfiel, erkundigten sich Messebesucher bei ihm besorgt nach der Verbleib von „Frau Antje”. Damit war der Name für die Werbefigur gefunden. Wenn es so war, dann traf es sich auf jeden Fall sehr gut, dass die Hauptdarstellerin des deutschen Kinofilms „Hollandmädel” von 1953 eine Tulpenzüchter-Tochter namens Antje war. Dass dieser Name in den Niederlanden eher selten ist und vor allem in Friesland vorkommt, hatte auch die Filmemacher schon nicht gestört.

Kitty Janssen 1961. Foto: NBM

Kitty Janssen 1961. Foto: NBM

Als 1961 der erste Werbespot fürs Fernsehen gedreht wurde, suchte Willemse eine Schauspielerin, die Frau Antje glaubhaft verkörpern und einen deutschen Text sprechen konnte. Die Wahl fiel auf Kitty Janssen, die die Zuschauerinnen mit den Worten „Guten Abend, liebe Hausfrauen. Heute zeige ich Ihnen Käsetoast Hawaii”, begrüßte, um ihnen gleich darauf einzuschärfen: „Wir brauchen dafür Holland-Edamer.” Frau Antje, die fiktive holländische Hausfrau, kam beim Publikum gut an, vermutlich nicht nur bei den Hausfrauen. Innerhalb weniger Jahre stieg der Absatz von holländischem Käse in Deutschland deutlich.

Emilie Bouwman. Foto: NBM

Emilie Bouwman. Foto: NBM

Zwei Jahre später setzte sich die junge Studentin Emilie Bouwman in einem Casting gegen ihre Vorgängerin durch und übernahm die Antje-Rolle für gut zehn Jahre, ehe sie von Ellen Soeters abgelöst wurde, die nach Nacktfotos für den Playboy 1984 aber beim NBM in Ungnade fiel. Für sie kam die bewährte Emilie Bouwman noch einmal für mehrere Jahre zurück. 1998 wollte der niederländische Molkereiverband Frau Antje eigentlich in Pension schicken, weil man die Figur für zu altmodisch hielt, aber da hatte er die Rechnung ohne die Deutschen gemacht, die ihr Kaasmeisje wiederhaben wollten – ohne Antje schmeckt uns der Käse einfach nicht! Prompt kehrte sie im Jahr 2000 zurück. Die aktuelle Darstellerin ist Madeleen Driessen.

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel zu Frau Antje und Emilie Bouwman
  • WDR-Beitrag zu Emilie Bouwman
  • Informationsdienst Wissenschaft: Frau Antje – in Deutschland beliebt, in ihrer Heimat umstritten
  • Silvia Tewes: Frau Antje – Von der Werbefigur zum Nationalsymbol, in: Deutschland-Niederlande – heiter bis wolkig, Bonn 2001, S. 104-107 (Ausstellungskatalog)
  • Sophie Elpers: Frau Antje bringt Holland. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Werbefigur im Wandel, Münster 2005