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Während für viele Heiligabend ohne Würstchen und Kartoffelsalat undenkbar ist (mit diesem Mysterium habe ich mich vor kurzem hier beschäftigt), gehört Heringssalat zu den traditionellen Silvestergerichten. Das war auch in meiner Familie so. Während im Hintergrund der Fernseher lief – damals noch in schwarz-weiß mit nur drei Programmen – aßen wir selbst gemachten Heringssalat und Pellkartoffeln. Dazu kenne ich jetzt keine repräsentative Umfrage, aber nach meinem Eindruck ist diese Tradition in Nord- und Ostdeutschland immer noch sehr verbreitet.

Die Geschichte des Heringssalats ist noch unerforscht, aber die Heringsmahlzeit zum Jahresende hat offenbar etwas damit zu tun, dass Fische früher als Glückssymbol galten; so steckte man sich an Silvester oder Weihnachten auch gerne Fischschuppen ins Portemonnaie, damit das Geld im neuen Jahr nie ausgeht. Und Salat war einfach „vornehmer” als nur saure Heringe. Mancherorts wurde und wird Heringssalat auch an Heiligabend aufgetischt.

Foto: Petra Foede

Foto: Petra Foede

In einem alten Buch von 1855 heißt es: „So wird in Leipzig am Weihnachtsabend in allen Familien Heringssalat gegessen, und die Wirthe der Wein- und Bierhäuser spenden ihren Gästen dieses Gericht gratis”. Ich vermute, dass der Heringssalat zu Silvester heute vor allem dort verbreitet ist, wo er an Heiligabend vom Kartoffelsalat verdrängt wurde. Das neue Jahr fängt übrigens erst seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders immer am 1. Januar an, vorher konnte Silvester auch auf Weihnachten oder Ostern fallen.

Für Fremde ist die nordostdeutsche Begeisterung für Heringssalat nicht unbedingt verständlich. Die junge Amerikanerin Susan Hale, die am Heiligabend 1872 bei einer Familie in Weimar zu Gast war, schildert ihre erste Begegnung damit auf amüsante Weise:

„You must eat it for the Grossmutter selbst made it, and was with the cook (or in the kitchen, I don’t know which …) twelve hours – and if you eat it at Christmas you have viel Geld all the year.”

Für sie ist der gepriesene Heringssalat ein zermatschtes, klein gehacktes,  schreckliches Durcheinander aus Fisch, Rote Bete, Rosinen, eingelegten Gurken, Öl, Kalbfleisch, Wurst … Zu allem Überfluss erhob sich einer der Verwandten und lobte den Salat in den höchsten Tönen, der wider Erwarten nicht nur genauso gut sei wie in den Vorjahren, nein es sei der beste Heringssalat, den Großmutter je gemacht habe … Darauf wurde angestoßen, dass die Gläser klirrten. Und natürlich mussten die Gäste sich davon zweimal nehmen …

Vielleicht war das Rezept für den Weimarer Heringssalat eine Familienspezialität, aber tatsächlich kam in so einen Salat früher viel mehr hinein als heute, auch Bratenfleisch, Eier, manchmal noch Kartoffeln. Wobei ich als Kind schon die obligatorischen Apfelstückchen sorgfältig aussortiert habe, bei Rosinen hätte ich sicher empört protestiert.

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