Maria Callas: Kulinarische Geheimnisse einer Diva
Posted by Petra Foede on 09 Dez 2009 | Tagged as: Bücher
Über Maria Callas, die Königin der Opernbühne, ist schon so viel geschrieben worden, dass 30 Jahre nach ihrem Tod eigentlich nicht mit der Enthüllung neuer Details aus ihrem Leben zu rechnen war. Musikkritiker Bruno Tosi, ein langjähriger Bewunderer der Diva, war selbst überrascht, als er vor einiger Zeit einen alten Koffer der Callas fand, vollgestopft mit Rezepten und Kochbüchern. Sein Kochbuch Maria Callas: La divina in cucina zeigt eine bislang unbekannte Seite der Sängerin, die sich ihrer Figur zuliebe jahrzehntelang keine Schlemmereien gestattete und auf den Ausweg verfiel, ihren Appetit kalorienfrei mit dem Sammeln der Rezepturen zu stillen. Für andere soll sie aber hin und wieder auch gekocht haben.
Bruno Tosi zeichnet ein von Sympathie geprägtes Bild von Maria Callas als disziplinierter Asketin im Schlaraffenland, ständig hungernd vor gefüllten Tellern in edlen Restaurants oder auf der Luxusyacht ihres zeitweiligen Lebensgefährten Aristoteles Onassis, für den sie 1959 ihren Mann verließ. Sicher nicht wegen des Essens. Natürlich hatte auch sie längst eine Köchin, obwohl sie sich als Jungvermählte in Verona eifrig darum bemühte, eine gute Hausfrau zu werden. Erste Lektionen am Herd erhielt sie von ihrer Schwiegermutter. Das war 1949, und in dieser Zeit begann sie, Kochbücher zu kaufen und Rezepte aus Frauenzeitschriften auszuschneiden und abzuheften. Ihr Mann Giovanni Battista Meneghini, ein reicher italienischer Industrieller und 27 Jahre älter als sie, berichtet davon in seinen Memoiren. Sie probiert alle möglichen Rezepte aus, doch findet selbst der wohlwollende Gemahl einiges davon ungenießbar.
Zu Beginn ihrer Karriere und auch ihrer Ehe hatte Maria Callas die Figur einer Walküre, die mit „vollschlank” schmeichelhaft umschrieben ist. Es gab Kritik an ihrem Äußeren und 1953/54 unterzog sie sich einer Radikalkur mit dubiosen Hormonen und anderen Mittelchen, durch die sie innerhalb eines Jahres 40 Kilo verlor. Jetzt war sie gertenschlank und damit endlich der von ihr bewunderten Audrey Hepburn ähnlich. Um diese Figur zu halten, verordnete sich die Callas eine strenge Diät. Pizza, Pasta und Polenta waren gestrichen, Desserts natürlich auch.
„Sie nahm nur gegrilltes Fleisch zu sich und rohes Gemüse ohne Zutaten, weder Öl noch Salz, wie eine Ziege”, erinnert sich ihr Ex-Mann. Eine wenig reizvolle Kost. Doch davon allein konnte selbst die Operndiva nicht leben, denn Meneghini enthüllt ihren regelrechten Heißhunger auf rohes oder fast rohes Fleisch wie Tatar, Carpaccio und Bistecche alla fiorentina. Ihre Haushälterin Elena Pozzan verrät, dass sie vor Auftritten oft rohe Leber zu einem Brei zerstampfte und mit ein paar Tropfen Öl vermischt aß. Diese seltsame Marotte erinnert mich an die österreichische Kaiserin Elisabeth alias Sisi, eine andere Hungerkünstlerin, von der ähnliche Vorlieben bekannt waren. Vielleicht ein archaischer Überlebensinstinkt, damit Abgemagerte nicht buchstäblich vom Fleisch fallen.
Die Rezepte sind eine Mischung aus gehobener internationaler Küche im Stil von Boeuf bourguignon, Schickimicki-Küche (flambierte Jakobsmuscheln) und Deftigem wie Bollito misto. Die Qualität der Rezepte kann ich nicht abschließend beurteilen, ich habe nichts nachgekocht. Mir gefällt durchaus, dass die Anleitungen kompakt sind und sich nicht endlos in Details verlieren, aber dafür wurden sie vereinfacht und verändert. Kalbsleber venezianische Art kenne ich als hauchdünne Scheiben, nicht als Streifen. Irritiert hat mich das rätselhafte Hähnchen Soumaroff – das in Wirklichkeit Poulet Souvaroff heißt und mit Trüffeln und Gänseleber zubereitet wird. Hier gibt es offensichtlich die Diätversion, mit Pilzen und Tomaten. Oder hat der Koch deshalb das V gegen ein M getauscht?
Das Buch ist liebevoll gestaltet, mit vielen Fotos auf hochwertigem Papier, Aufnahmen aus dem Album der Diva ebenso wie Farbfotos von Gerichten. Als Zugabe gibt es noch eine CD mit Callas-Arien.
Bruno Tosi, Maria Callas: La divina in cucina. Die Entdeckung ihrer kulinarischen Geheimnisse, Südwest Verlag, München 2007;160 Seiten, mit CD (29,95 €)
5 Comments »









So rund wie die Callas in jungen Jahren war auch ihre Stimme. Diesen Wohlklang hatte sie später nie mehr. Manche führen die leichte Schärfe in ihrer Stimme auf die rigorosen Abmagerungskuren zurück.
Interessant! Ich fiel in Hamburg mal in einem Kaufhaus über eine Ausstellung über die Callas, mit Origiinalkostümen und auch einigen Originalrezeptbüchern von ihr.
Auch wenn ich kein Opernfan bin (ich liebe italienisch Barockmusik, Oper ist mir zu modern
) ) finde ich sie als Person interessant.
Und so urplötzlich damals vor den schönen Kleidern und Schmuckstücken, Originalnoten und eben den Rezeptbüchern zu stehen…. Mann.
Schon ne Weile her, aber ich las damals durch die Vitrine ein … ich glaube Kuchenrezept, das ich mir fast abgekupfert hatte… nur leider hatte ich nicht die Zeit dazu. Aber es war sehr interessant, auch alles in ihrer Handschrift zu sehen.
Das Buch müsste ich mir mal anseshen
Schade, dass sie so wenig Talent zum Kochen hatte, aber man kann nicht alles. Dass sie so gehungert hatte war mir gar nicht bewusst… schlimm.
Das, was Eline über die Stimme sagt, wird stimmen, denk ich mal.
In der Stimme schwingt die Harmonie der Person mit und “Hungerkanten” machen eine scharfe Stimme, denk ich mal. Ausserdem kann man bestimmt auch das ganze Magenknurren und den verknoteten Appetit und so mithören…
Liebe Grüße und danke für den interessanten Beitrag, liebe Petra!!
Monika
rund wie ihre Stimme – ein schöner Vergleich! Aber die spätere Schärfe hatte sicher auch mit ihrem unglücklichen Privatleben zu tun. Leider kann ich sie immer nur hören, wenn ich (alleine) im Auto fahre oder (alleine) zuhause bin. Meine Lieben nehmen sonst Reissaus. “Rumopern” kann ich nur alleine.
In ihrer Stringenz, was die Diäten angeht, erinnert sie mich an Karl Lagerfeld als würdigen Nachfolger im Bestreben, wie ein Bleistift auszusehen.
danke für die interessanten Kommentare. @Eline und AT: Ich hätte bisher nicht sagen können, was mir an ihrer Stimme irgendwie fehlt, aber es ist wohl wirklich so eine gewisse “Schärfe”, die mich stört. Ich bin auch mehr so ein Belcanto-Fan, eine komplette Oper muss ich nicht unbedingt haben. Karl Lagerfeld ist ja erst im Alter dünn geworden und gesungen hat er nie, dafür aber ein Diätbuch herausgebracht
@Monika: Diese Ausstellung war sicher interessant, dann hast du einige Rezepte ja schon gesehen. Notizen zu Gerichten hat sie sich übrigens immer auf Italienisch gemacht, nie auf Griechisch oder Englisch.
sehr interessant. wobei ich mich hier frage, wozu die Welt ein Kochbuch braucht, von einer Frau, die sich selbst so kasteit hat…. Kochen und Essen und Geniessen gehören doch zusammen…
Gruss, Tine