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Über Maria Callas, die Königin der Opernbühne, ist schon so viel geschrieben worden, dass 30 Jahre nach ihrem Tod eigentlich nicht mit der Enthüllung neuer Details aus ihrem Leben zu rechnen war. Musikkritiker Bruno Tosi, ein langjähriger Bewunderer der Diva, war selbst überrascht, als er vor einiger Zeit einen alten Koffer der Callas fand, vollgestopft mit Rezepten und Kochbüchern. Sein Kochbuch Maria Callas: La divina in cucina zeigt eine bislang unbekannte Seite der Sängerin, die sich ihrer Figur zuliebe jahrzehntelang keine Schlemmereien gestattete und auf den Ausweg verfiel, ihren Appetit kalorienfrei mit dem Sammeln der Rezepturen zu stillen. Für andere soll sie aber hin und wieder auch gekocht haben.

callas-coverBruno Tosi zeichnet ein von Sympathie geprägtes Bild von Maria Callas als disziplinierter Asketin im Schlaraffenland, ständig hungernd vor gefüllten Tellern in edlen Restaurants oder auf der Luxusyacht ihres zeitweiligen Lebensgefährten Aristoteles Onassis, für den sie 1959 ihren Mann verließ. Sicher nicht wegen des Essens. Natürlich hatte auch sie längst eine Köchin, obwohl sie sich als Jungvermählte in Verona eifrig darum bemühte, eine gute Hausfrau zu werden. Erste Lektionen am Herd erhielt sie von ihrer Schwiegermutter. Das war 1949, und in dieser Zeit begann sie, Kochbücher zu kaufen und Rezepte aus Frauenzeitschriften auszuschneiden und abzuheften. Ihr Mann Giovanni Battista Meneghini, ein reicher italienischer Industrieller und 27 Jahre älter als sie, berichtet davon in seinen Memoiren. Sie probiert alle möglichen Rezepte aus, doch findet selbst der wohlwollende Gemahl einiges davon ungenießbar.

Zu Beginn ihrer Karriere und auch ihrer Ehe hatte Maria Callas die Figur einer Walküre, die mit „vollschlank” schmeichelhaft umschrieben ist. Es gab Kritik an ihrem Äußeren und 1953/54 unterzog sie sich einer Radikalkur mit dubiosen Hormonen und anderen Mittelchen, durch die sie innerhalb eines Jahres 40 Kilo verlor. Jetzt war sie gertenschlank und damit endlich der von ihr bewunderten Audrey Hepburn ähnlich. Um diese Figur zu halten, verordnete sich die Callas eine strenge Diät. Pizza, Pasta und Polenta waren gestrichen, Desserts natürlich auch.

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„Sie nahm nur gegrilltes Fleisch zu sich und rohes Gemüse ohne Zutaten, weder Öl noch Salz, wie eine Ziege”, erinnert sich ihr Ex-Mann. Eine wenig reizvolle Kost. Doch davon allein konnte selbst die Operndiva nicht leben, denn Meneghini enthüllt ihren regelrechten Heißhunger auf rohes oder fast rohes Fleisch wie Tatar, Carpaccio und Bistecche alla fiorentina. Ihre Haushälterin Elena Pozzan verrät, dass sie vor Auftritten oft rohe Leber zu einem Brei zerstampfte und mit ein paar Tropfen Öl vermischt aß. Diese seltsame Marotte erinnert mich an die österreichische Kaiserin Elisabeth alias Sisi, eine andere Hungerkünstlerin, von der ähnliche Vorlieben bekannt waren. Vielleicht ein archaischer Überlebensinstinkt, damit Abgemagerte nicht buchstäblich vom Fleisch fallen.

Die Rezepte sind eine Mischung aus gehobener internationaler Küche im Stil von Boeuf bourguignon, Schickimicki-Küche (flambierte Jakobsmuscheln) und Deftigem wie Bollito misto. Die Qualität der Rezepte kann ich nicht abschließend beurteilen, ich habe nichts nachgekocht. Mir gefällt durchaus, dass die Anleitungen kompakt sind und sich nicht endlos in Details verlieren, aber dafür wurden sie vereinfacht und verändert. Kalbsleber venezianische Art kenne ich als hauchdünne Scheiben, nicht als Streifen. Irritiert hat mich das rätselhafte Hähnchen Soumaroff – das in Wirklichkeit Poulet Souvaroff heißt und mit Trüffeln und Gänseleber zubereitet wird. Hier gibt es offensichtlich die Diätversion, mit Pilzen und Tomaten. Oder hat der Koch deshalb das V gegen ein M getauscht?

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Das Buch ist liebevoll gestaltet, mit vielen Fotos auf hochwertigem Papier, Aufnahmen aus dem Album der Diva ebenso wie Farbfotos von Gerichten. Als Zugabe gibt es noch eine CD mit Callas-Arien.

Bruno Tosi, Maria Callas: La divina in cucina. Die Entdeckung ihrer kulinarischen Geheimnisse, Südwest Verlag, München 2007;160 Seiten, mit CD (29,95 €)