Ostpreußische Küche
Posted by Petra Foede on 18 Nov 2009 | Tagged as: Bücher, Rezepte
Bei ostpreußischer Küche denkt man spontan an Königsberger Klopse – aber das kann ja nicht alles sein. Dass ich mir gleich zwei kleine Bücher mit Rezepten aus dieser Region zugelegt habe, hat damit zu tun, dass eine meiner Großmütter in Ostpreußen aufgewachsen ist, ehe sie als junges Mädchen ins westpreußische Graudenz ging, um dort Köchin in der Gaststätte von Verwandten zu werden. Gut 20 Jahre lang hat sie dort gekocht. Ich habe keine Ahnung, ob sie ein Rezeptbuch hatte, erhalten geblieben ist jedenfalls nichts. Und wenn ich die Kochbücher so durchblättere, dann überlege ich, was sie davon wohl gekannt und gekocht hat.
Mein klarer Favorit bei den Büchern ist Von Beetenbartsch bis Schmandschinken, weil die Rezepte einen guten Überblick über die Küche insgesamt bieten; sie stammen allesamt aus privaten Kochbüchern und wurden 1972 von Lesern des Ostpreußenblatts zusammengetragen. Solche Bücher haben zwangsläufig etwas Nostalgisches und es besteht immer die Gefahr, dass ein völlig unrealistisches Bild vermittelt wird, weil den Leser die Festtagsmahlzeiten, die nur ganz selten auf den Tisch kamen, als Alltagskost verkauft wird. Das ist hier aber nicht der Fall, die Autorinnen weisen in der Einleitung eindeutig darauf hin, dass nur zu besonderen Anlässen so richtig geschlemmt wurde. Hier wie anderswo bildeten Kartoffeln und Gemüse das Fundament der Küche.
Kulinarische Einflüsse kamen vor allem aus Polen und dem Baltikum (auch wenn das nicht im Buch steht). Auffällig ist die häufige Verwendung von Schmand, ein Mittelding zwischen Rahm und saurer Sahne. Vieles wurde süß-sauer gewürzt, was ein bisschen an die norddeutsche Küche erinnert; Bratensaucen dickten die Hausfrauen gerne mit Lebkuchen an. Majoran und Dill waren sehr beliebt. Das Buch enthält etwa 100 Rezepte, von denen natürlich nicht alle aus speziell Ostpreußen stammen.
Wirklich typisch für die Küche dieser Region sind Spezialitäten wie Borschtsch, der hier Beetenbartsch genannt wurde, ein Import aus Osteuropa, Königsberger Fleck (Kuttelsuppe), Karpfen in Bier, Plinsen, „Schedderstroh” aus Schichten von Schweinebauch, Kartoffeln und Sauerkraut, Steckrübeneintopf oder Graue Erbsen mit Speck. Und natürlich auch die bekannten sauren Klopse mit Kapern, die aber ursprünglich keine Hackfleischbällchen waren, sondern flach geklopftes Fleisch (siehe meine Rezeptforschung). Dann noch der jüdische Gefilte Fisch, der hier „Füllhecht” heißt. Bemerkenswert sind auch die Trinksitten. Ein Pillkaller bestand aus einer Scheibe Leberwurst mit Senf, die sofort mit Korn heruntergespült wurde. Laut Wikipedia wurde sie manchmal auch darin eingeweicht … Prost.
Es ist schwer, exemplarisch ein Rezept auszuwählen; ich habe mich für den Schmandschinken entschieden. In Ostpreußen wurde dafür ganz leicht geräucherter Schinken genommen, den es heute nicht mehr gibt. Als Ersatz empfehlen die Autorinnen Kasseler.
Zutaten: Mehrere Scheiben Kasseler, 2 EL Butter, 1 TL Kartoffelmehl, 200 ml Schmand/saure Sahne, Pfeffer, Paprika. – Zubereitung: Die Scheiben ein paar Stunden in Milch oder Buttermilch einlegen (kühl stellen). Dann das Fleisch in Butter leicht anbräunen, den Schmand löffelweise dazu geben und alles kurz durchkochen. Fleisch herausnehmen und warm stellen. Die Sauce mit der Milch vom Einlegen strecken, mit angerührtem Kartoffelmehl binden und abschmecken. Dann das Fleisch wieder dazu geben und kurz erhitzen. Dazu passen Salzkartoffeln und grüner Salat oder Gurkensalat mit Schmand.
Margarete Haslinger/Ruth Maria Wagner: Rezepte aus der guten ostpreußischen Küche. Von Beetenbartsch bis Schmandschinken, Rautenberg Verlag, Leer 2003, 164 Seiten (14,95 €)
Mehr zum Thema: Die Geschichte der Königsberger Klopse
6 Comments »








Plinsen, das sagt und macht(e) meine Schwiegermutter immer für mich, das Marjellchen
Das ist ja interessant. Karpfen in Bier…Ist das Malzbier??
Das kenn ich von meiner Familie, meine Mutter kochte das immer zu Sylvester. Jetzt nicht mehr, da es ihr zu viel ist. Ich glaube, Mutters Vater kam original aus Westpreussen… aber wuchs, wie ich auch, in Berlin auf.
Bei uns heißt das Karpfen polnisch und wird mit Fischkuchen angedickt. Als Kind konnte ichs nicht ausstehen und bestand auf einem Stück Fischkuchen zum so essen
Eines Tages dann machte es *klick* und ich liebte es…lecker.
Leider komm ich zur Zeit nicht hin zu Mutter, speziell Sylvester zum Essen… schaade.
Irgendwann wurde uns von jemandem mit Kenntnissen erklärt, das das Rezept eigentlich nicht polnisch sei, sondern jüdisch??? Hmmm.
Habe aber nirgendwo das Rezept noch mal entdeckt…
Habe zum Glück noch das meiste im Kopf
Irgendwann werd ichs mal wieder kochen… wenn ich an einen Karpfen und Fischkuchen komme!
Herzliche Grüße, Monika
Ich habe ein bisschen gegoogelt – du hast recht, das ist Karpfen polnisch. Die ostpreußische Küche ist schon eindeutig von der polnischen beeinflusst worden. Ob das eigentlich ein jüdisches Rezept ist, da bin ich überfragt. Aber Bier ist als Zutat für die jüdische Küche nicht typisch, glaube ich. Die Sauce wird in der Tat mit Malzbier gemacht, im Rezept heißt es “Braunbier”, außerdem kommt “Kochpfefferkuchen” rein. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was Fischkuchen ist – auch Lebkuchen? Wenn du das Rezept gerne hättest, könnte ich es dir per Mail zukommen lassen, ich scanne es dann ein. Es sei denn, es besteht hier allgemeines Interesse, dann könnte ich es auch im Blog posten.
Fischkuchen ist Lebkuchen, ja.
Aber ohne Zuckerguss, Zitronat oder Schokolade, sonder nur der einfache, trockene Lebkuchen.
Ähnlich dem “Honigkuchen”, den es oft in weich und großen “Ziegeln” gibt (den lieb ich auch, aber noch nie zum Fisch probiert, würde meiner Meinung aber auch gehen, wenn man ihn trocknet und fein reibt.)
Einmal kaufte ich auch so ein Lebkuchenhäuschen zum Zusammenbauen, das war auch Fischkuchen sozusagen.
Die Soße ist recht süß und dunkelbraun, dann schwamm noch Gemüse mit drin. Dazu Butterkartoffeln, lecker.
Ohne den Fischkuchen wird es wohl nicht das selbe sein, denk ich mal. Aber vielleicht auch lecker.
In Berlin gabs immer kleine Päcken davon, mit dem Namen Fischkuchen… wohl im Supermarkt denk ich mal oder beim Fischstand auf dem Markt, ich hatte ihn nie eingekauft.
Mir war als Kind nie bewußt, was für eine “lokale Spezialität” das ist.
“Kochpfefferkuchen” hab ich noch nie gehört… wird wohl auch zu anderem verwendet?
Gerne würde ich das Rezept mal sehen!
Wenn du magst, schreib ich dir auch meine weiteren gesammelten Erinnerungen, falls du etwas mehr darüber erfahren möchtest.
Allerdings bekomm ich gleich wieder Appetit und keine Möglichkeit, das zu kochen *heul* Aber ich erzähl natürlich trotzdem gern
Herzliche Grüße aus dem Norden!
Monika
Interessant, ich müsste mal nach Kochlebkuchen oder “Fischkuchen” Ausschau halten. Keine Ahnung, ob es das in Rheinland-Pfalz gibt, wo ich jetzt wohne. Mit deinen “gesammelten Erinnerungen” meinst du vermutlich nicht deine Memoiren, sondern Erinnerungen an Rezepte aus der Kindheit
Das wäre vielleicht auch mal ein Thema für mehrere Blogs: Gerichte aus der Kindheit nach traditionellen Rezepten. Den Karpfen polnisch maile ich dir.
Danke, liebe Petra!
Bin schon gespannt.
Klar meine ich mit gesammelte Erinnerungen die zum Thema Rezepte, in erster Linie dachte ich an den Karpfen. Einige andere Erinnerungen an meine Kindheitsrezepte sind recht “anti” bzw.nicht unbedingt massentauglich, aber vielleicht deswegen in gewissem Masse interessant?
Meine Mutter hatte manchmal recht gewöhnungsbedürftige Rezepte… sie liebt zum Beispiel in Waasser gedünstetes Gemüse, ohne alles, also kein Salz, Fett oder so…
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Aber es gibt bei mir vielleicht auch anderes, intetessanteres an Essen aus der Kindheit
Liebe Grüße,
Monika