Retro-Küche: Toast Hawaii
Posted by Petra Foede on 01 Nov 2009 | Tagged as: Deutschland, Rezepte
Mir ist schon klar, dass Toast Hawaii heute als peinliche kulinarische Entgleisung aus der Ära der Nierentische und Tütenlampen gilt. Sowas isst man einfach nicht mehr, Toastbrot mit Dosenananas und abgepackten Käsescheiben, wirklich nicht. Und wenn ich im Bekanntenkreis frage, dann hat das eigentlich auch nie jemand gemocht, das gab es immer nur auf Partys bei anderen … Schon klar. Ich frage mich nur, wo die ganzen Fotos davon im Internet herkommen und wieso Retro-Kochbücher mit Toast Hawaii im Titel immer relativ schnell vergriffen sind. Merkwürdiges Phänomen. Ich kann mich immerhin damit herausreden, dass ich mal wieder ein Thema für meinen Blog brauchte
Der Erfinder: Fernsehkoch Clemens Wilmenrod
Wie auch immer, in den Fünfziger und Sechziger Jahren war Toast Hawaii regelrecht Kult. Er war die Erfindung des ersten deutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod, der in Wirklichkeit eigentlich Carl Clemens Hahn hieß und auch kein Koch war, sondern Schauspieler. Seine Kochshow „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch” wurde von 1953 bis 1964 wöchentlich ausgestrahlt. Das Publikum war offensichtlich angetan von seiner Art des „modernen Kochens” mit Konserven und Fertigprodukten, außerdem erzählte er zu jedem Gericht immer irgendwelche Schwänke aus seinem Leben. Das Konzept, in der Fernsehküche mehr zu reden als zu kochen, funktioniert ja auch heute noch … Wilmenrod erkannte jedenfalls, dass es an der Zeit war, die übliche Hausmannkost mit ein paar exotischen Zutaten aufzupeppen und so einen Hauch von weiter Welt und Glamour in die Küche zu bringen. Sein Rezept für Toast Hawaii flimmerte 1955 über die Mattscheiben.
Wer wissen will, ob Wilmenrod in seiner Live-Sendung überhaupt selbst gekocht hat und welche Rolle ein Gerät namens „Heinzelkoch” spielte, kann das in meinem Buch nachlesen.
Offenbar ist aber kein Gericht so einfach, dass sich dabei nicht doch irgendwas „falsch” machen ließe. Auf vielen Fotos ist jedenfalls zu sehen, dass die Cocktailkirsche mit überbacken wird – bei Wilmenrod kam sie erst zum Schluss als Deko obendrauf, genau an die Stelle, an der der Käse wegen des Lochs im Ananasring etwas eingesunken ist. Einige ersetzen die Kirsche auch durch Ketchup oder Preiselbeermarmelade. Ist das eine Verfeinerung? Ich bin mir da nicht so sicher.
Hier ist jedenfalls die Anleitung für das Original nach Wilmenrod:
Zutaten: 4 Scheiben Toastbrot, 12 Scheiben roher Schinken, 4 Scheiben Ananas aus der Dose, 4 Käse-Scheibletten, 1 TL Paprikapulver, 4 Cocktailkirschen, Butter. – Zubereitung: Das getoastete Brot abkühlen lassen, dünn mit Butter bestreichen, den Schinken in wenig Fett anbraten, je drei Scheiben pro Toast. Darauf eine Scheibe Ananas legen und mit einer Scheibe Käse bedecken. Mit Paprikapulver bestreuen und im Backofen überbacken, bis der Käse zu schmelzen beginnt. Dann mit der Cocktailkirsche dekorieren.
Aus: Rainer Horbelt/Sonja Spindler: Die deutsche Küche des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 2000
Weiterlesen: Spamwich – das Vorbild für Toast Hawaii?
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Hawaitoast ist und bleibt mein Lieblingsgericht
Hier! Bei Kaltmamsells daheim war dieser Toast unter dem Namen “Schinkentoast” in den 70ern ein Abendbrotklassiker. Bereitet wurde er im Grill, einem mikrowellenförmigen Kasten mit Grillspirale oben (und Drehspieß für das sonntägliche Brathuhn). Damals gab es allerdings meiner Erinnerung nach noch keine Scheibletten, also Schmelzkäsescheiben. Schmelzkäse gab es nur im Block zum Streichen. Also lag über der Ananas aus der Dose echter Scheibenkäse vom Gouda oder Emmentaler. Der ausschlaggebende Unterschied: Dieser Käse schmolz nicht so schnell. Die letzten Versuche mit Scheibletten resultierten in nur leicht angewärmten Zutaten, denn der Schmelzkäse floss viel zu schnell davon.
na bitte, die ersten Retro-Fans haben sich geoutet. Ist doch gar nicht so schlimm
@ Kaltmamsell: Bei uns gab es das in Siebzigern auch, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch von uns Kindern, meine Eltern mochten Toast Hawaii eigentlich überhaupt nicht. Neumodischer Schnickschnack halt. Bei uns (in Hessen) gab es damals schon Scheibletten, meine ich. Und dieser viereckige Kasten war womöglich ein “Heinzelkoch”. Der Hersteller hieß übrigens Müller-Schuss, sowas kann man nicht erfinden …
auch hier war der Toast Hawai sehr beliebt. Ab 1985 schlagartig nicht mehr. Ursache war ein aufsehenerregender Mordfall (Mord in Kehrsatz), in welchem ein Toast Hawaii (allerdings mit Birne zubereitet) eine entscheidende Rolle im Indizienprozess spielte.
@lamiacucina: Von diesem Mordfall hat mir mein Schweizer Lektor auch erzählt. Wobei das Opfer ja gar nicht an dem Toast Hawaii gestorben ist (auch nicht an der Birne), das war nur die letzte Mahlzeit … Aber die große Zeit dieses Gerichts ist in jedem Fall vorbei. – Ich bin übrigens vor kurzem zum ersten Mal auf Riz Casimir gestoßen, eine Schweizer Spezialität der 50er Jahre, das habe ich mir gleich auf meinem Merkzettel notiert
Demnächst läuft auch die NDR-Verfilmung von Wilmenrods Leben mit J. J. Liefers in der Hauptrolle. Meines Wissens hat seine Frau gekocht, er war nicht nur nicht Koch sondern Schauspieler, er konnte auch keines seiner Gerichte selbst zubereiten.
ja, du kennst dich aus. Im Studio hat zeitgleich seine Frau mitgekocht, ein bisschen am Herd dilettiert hat er aber wohl schon, auch zu Hause. Und den Toast Hawaii wird selbst Wilmenrod allein hingekriegt haben, dafür muss man ja nicht kochen können. Auf den NDR-Film bin ich schon gespannt, den will ich mir angucken.
Ob Kirsche, Preiselbeeren oder Ketchup ist bei dieser kulinarischen Hervorbringung wirklich “wurscht”
Ich oute mich: Schinken-Käse-Toast esse ich manchmal , wenn ich beruflich unterwegs bin. Auch in den Bewusstsein, dass Toastschinken kein Schinken ist un der verwendete Käse wahrscheinlich nie Milch gesehen hat. Das ist mein Junk Food. Manchmal gibt es ihn aus besten Zutaten (Bergkäse, Beinschinken und feinem Weissbrot) auch zuhause. Nur Toast Hawaii mochte ich wegen der Dosenananas schon als Kind nicht.
“Das Konzept, in der Fernsehküche mehr zu reden als zu kochen, funktioniert ja auch heute noch … ” herrlich formuliert!
Ich oute mich – allerdings als Liebhaberin von Schinken-Käse-Toast, ohne Hawaii, denn Dosenananas (wie auch Pfirsiche usw.) hab ich selbst als Kind nie gemocht. Natürlich hab ich schon irgendwann mal Toast Hawaii gegegessen, aber das muss Lichtjahre her sein
. Aber besonders gerne esse ich Schinken-Käse-Toast im Cafe, als kleinen Snack, weil die da irgendwie richtig gut schmecken, auch wenn Toastblock drin ist… ich glaube, das liegt daran, dass der Toaster durch das viele toasten schon ein richtiges Aroma verströmt. Wer weiß, wann die Toaster gereinigt werden *hihi*… na wie auch immer, zuhause gibt es ihn auch manchmal, aber selbst mit den besseren Zutaten schmeckt er mir komischerweise nicht so, wie wenn ich ihn im Wirtshaus esse.
Ellja,
ich dachte schon, ich hätte 2 x gepostet
)))
oups…. ich bin aber sicher, ich habe KEINE zwillingsschwester ,-)
Den Riz Casimir soll ja Ueli Prager für die Mövenpick-Restaurants kreiert haben. Hab ich auch schon einmal gemacht.
Hallo, verehrte Feinschmeckergemeinde, mit dieser von Herrn Wilmenrod entliehenen Begrüßung möchte ich ein paar Worte über den Urahn der Fernsehköche verlieren: Alle selbsternannten Superhobbybrutzler kritteln am Toast Hawaii oder der schönen Melusine herum, dabei wird leider völlig vergessen, was denn so bei den kleinen Tante Emma Läden 1960 so angeboten wurde. Da waren die Dosenananas und das Tomatenketchup schon exotisch, die Mischung Obst und Fleisch ließ viele Leute den Mund verziehen. Frisches Gemüse kam entweder aus dem eigenen Garten, oder vom Markt. Salz war das Gewürz, Pfeffer schon gewagt, den nahm der Fleischer für die Wurst. Und dann kam da so ein Fernsehkoch, und lehrte den Hausfrauen, Hackfleisch und Blumenkohl mit Käse, Sahne und Tomaten (!!) zu umgeben, um dann im Ofen zu überbacken… Und weil es in der Küche oft keinen Backofen gab, warb er für den Schnellbrater Heinzelkoch. (Übrigens zu sehen ab 25.11.09 im Wilmenrod Film.)
Und wer sich heute einmal die Mühe macht, und die Bücher von Clemens Wilmenrod nicht auf seine Formulierung, sondern nach den Rezepten durchzulesen, und vielleicht die Dosengemüse durch TK-Gemüse ersetzt, verkleinert die Unterschiede zu heutigen Rezepten sehr. Woraus besteht Tomatenketchup? Zucker, Essig, Tomaten. Nehmen wir zum Kochen. Dosensahne? Nehmen wir doch Kochsahne oder Creme fraiche.
Um abzuschließen: Die größten Umsätze machen in Deutschland Hamburger-Ketten. Und dagegen ist die Küche Herrn Wilmenrod’s begonnen mit dem Toast Hawaii doch wohl erste (Dosen-) Sahne. Guten Appetit sagt Chris.
oh ein Fan der Retro-Küche:) Ich gebe dir recht, dass es ungerecht ist, Rezepte aus den Fünfziger Jahren zu kritisieren, weil sie nicht den aktuellen Auffassungen von guter Küche entsprechen. Exotische Früchte gab es damals noch gar nicht frisch, schon gar nicht das ganze Jahr über. Da war es schon toll, dass es Ananas wenigstens in Dosen gab. Backöfen in Küchenherden gibt es in Deutschland schon seit dem 19. Jahrhundert. Aber der Heinzelkoch war nach damaligen Maßstäben natürlich auch wahnsinnig modern, das war technischer Fortschritt. Wilmenrod hat für seine Werbung allerdings Geld bekommen, das wurde ihm dann nach entsprechenden Spiegel-Enthüllungen zum Verhängnis. Ich bin auch gespannt auf den Film.
Ich bin kein Retrofan, doch Toast oder Steak Hawai gehört seit rund 30 Jahren zu meinen Lieblingsgerichten. Ich verstehe nicht, warum man so etwas nicht essen soll oder darf. Die Kombination des feinen süßlichen mit den anderen deftigen Zutaten ist einfach wunderbar. Es gibt auch Gastronomitäten, die Toast Hawai bis heute anbieten und es gibt es auch im Großhandel als Tiefkühlvariante.
Auf die gleiche Weise mache ich bis heute Toast oder Steaks mit allen Früchten, weil ich diese Geschmacksgegensätze einfach liebe.
Die deutsche Cotureküche macht auch nichts anderes, nennt es nur anders. Braten mit Stachelbeeren, Backpflaumen usw. gehören seit Hunderten von Jahren zur deutschen Regionalküche und Hausmannskost. Der Fernsehkoch hat nichts weiter gemacht als die Idee entlehnt.
Über Kasseler mit Honig und Ananas mokiert sich ja auch niemand.