Share in top social networks!

Das berühmteste deutsche Restaurants außerhalb eines Hotels stand um 1900 nicht in Berlin und auch nicht in München oder Hamburg, sondern in New York. Im Lüchow’s in der 14. Straße gab sich die Prominenz die Klinke in die Hand. Wobei das gute Bier aus Würzburg und Pilsen vermutlich mindestens ebenso beliebt war wie die deutsch-österreichische Küche. Dieser Artikel ist allerdings eine Art Nachruf, denn das Restaurant existiert nicht mehr – nach genau 100 Jahren kam 1982 das Ende. Damit verschwand das letzte alte deutsche Speiselokal in New York.

luchows-restaurant-new-york

Vom Kellner zum Edel-Gastronom

Gründer August Guido Lüchow stammte aus Hannover und wanderte 1879 mit 22 Jahren in die Vereinigten Staaten aus. Er fing als Kellner an, zunächst in einem Saloon, dann in der kleinen Bierhalle eines Baron von Mehlbach. Hier war William Steinway, der bekannte Klavierhersteller, Stammkunde, und mit seiner Hilfe in Form von geliehenen 2000 Dollar konnte Lüchow dieses Lokal schon drei Jahre später kaufen und in ein Restaurant mit 50 Plätzen verwandeln. Er engagierte deutsche und österreichische Köche, importierte bayrisches Bier und Wein aus Rheinhessen und lockte nicht zuletzt dank Steinways Beziehungen viele Musiker in sein Haus, außerdem natürlich viele Deutschstämmige. Lüchow’s, von den Amerikanern penetrant Luhtschaus ausgesprochen, hatte schnell einen guten Namen.

luchows-anzeige-1979

Deutsche Küche in New York

Bis zum Tod des Gründers im Jahr 1923 bot die Speisekarte ausschließlich gehobene deutsche Regionalküche, von Sauerbraten und Rindsrouladen über Eisbein mit Sauerkraut bis zu Wiener Schnitzel. Es war eine Zeit, in der die Leute noch ins Restaurant gingen, um es sich so richtig schmecken zu lassen und weder Kalorien noch Fettaugen zählten. Lüchow’s stand nicht zuletzt für echte german Gemutlichkeit mit viel dunklem Holz und Plüsch, Bierkrügen und Hirschgeweihen an den Wänden sowie einem meterhohen Tannenbaum zu Weihnachten. Das Weihnachtsmenü blieb ein Jahrhundert unverändert: Ochsenschwanzsuppe, Karpfen, gefüllte Gans, Zwiebeln in Rahmsauce, Pumpernickel, flambierter Plumpudding und Eiscreme.

August Lüchow fühlte sich in seinem Restaurant mindestens so wohl wie seine Gäste. Er verbrachte dort jeden Abend in angenehmer Gesellschaft, aß reichlich und sprach noch reichlicher dem Gerstensaft zu. Am frühen Morgen, wenn die letzten Besucher gegangen waren, ließ er sich regelmäßig von vier Hilfskellnern die Treppe zu den Privaträumen hochhieven, wo er im Haushalt seiner Schwester lebte.

luchows-speisekarte

Treffpunkt der Stars

Mit sieben Speisesälen und 1000 Sitzplätzen war Lüchow’s in den 1920er Jahren das größte Restaurant in New York. Es hatte zwei Eingänge: Einer führte in die Bar mit dem mysteriösen Namen Gentlemen’s Grill, zu der Frauen keinen Zutritt hatten, der andere in die übrigen Räume. Lüchow hatte um 1900 das Nachbargebäude hinzugekauft und dort gab es ein „Jagdzimmer”, einen „Nibelungenraum” mit Szenen aus Wagners Werken an den Wänden und eine „Hall of Fame” mit ausgestellten Requisiten prominenter Gäste. Im Laufe der Jahre gehörten dazu Musiker wie Victor Herbert, Caruso, Richard Strauß oder Toscanini, Stars wie Lillian Russell, Marlene Dietrich und Frank Sinatra sowie Theodore Roosevelt, ehe er Präsident wurde.

Zur etwas halbseidenen Prominenz gehörte der steinreiche Geschäftsmann „Diamond” Jim Brady, der außer einem gesegneten Appetit meistens auch seinen eigenen Koch mitbrachte – nicht zum Kochen, sondern als Spion in der Küche. Sagte ihm ein Gericht besonders zu, musste sein Angestellter das Rezept in Erfahrung bringen. Vermutlich half da ein großzügiges Trinkgeld.

Lillian Russell und Diamond Jim Brady

Lillian Russell und Diamond Jim Brady

1902 wurde ein Wiener Acht-Mann-Orchester engagiert, das den ganzen Abend hindurch Melodien deutscher und österreichischer Komponisten spielte. Als ein Musiker des Ensembles nach 40 Jahren in Rente ging, erinnerte er sich, die Geschichten aus dem Wienerwald über 36.000 mal gespielt zu haben …

Nach Lüchow’s Tod übernahm sein Neffe Victor Eckstein die Leitung des Restaurants. 1950 verkaufte er es an den Schweden Leonard Jan Mitchell, der zunächst viel Wert auf deutsche Tradition und Küche zu legen schien. Er machte die Internationalisierung der Speisekarte rückgängig und führte die alten Events mit Volksfestcharakter wie das Bockbierfest wieder ein. Als gewitzter Geschäftsmann merkte er aber bald, dass die 14. Straße keine so gute Adresse mehr war und sich der Zeitgeist wandelte. In den 1960er Jahren stieg er in eine Gastro-Kette namens Longchamps ein, zu deren Teil das Lüchow’s damit wurde; 1979 trennte er sich von beidem. Das Gebäude brannte 1992 ab.