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Lassen wir uns mit einer virtuellen Zeitmaschine doch mal 55 Jahre zurück versetzen, ins Jahr 1954. Das Wirtschaftswunder hat gerade begonnen, die deutschen Fußballer werden überraschend Weltmeister, wir sind also wieder wer, und die „Fresswelle“ rollt heran. Am Wochenende haben wir Lust, so richtig schön essen zu gehen. Also wo gehen wir hin?

Essen gehen anno 1954

In der Provinz ist diese Frage schnell geklärt: Es gibt nur die einheimischen Gaststätten. Da haben wir die Wahl zwischen Frikadelle, Gulasch oder Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Achja, einen Strammen Max kann man uns sicher auch noch anbieten. Das dürfte es dann schon gewesen sein. Pizza – nie gehört. Frühlingsrolle? „Gute Frau, wir haben jetzt bald Herbst – und die Buttercreme wird immer so schnell ranzig bei uns im Büffet.“ Ähem, ja sicher … Aber wahrscheinlich hätten wir selbst auch keine Ahnung gehabt, was eine Frühlingsrolle ist, im Jahr 1954.

    Fotos: Petra Foede

    Fotos: Petra Foede

In einer Großstadt wie Berlin oder München gab es natürlich jede Menge Restaurants, deutsche vor allem. Freie Auswahl von der Speisekarte war aber auch in den Metropolen noch nicht selbstverständlich, oft half uns der Küchenchef bei der Entscheidung, indem er das Tagesmenü selbst zusammenstellte, um uns vor der Qual der Wahl zu bewahren. Uns Frauen sowieso, denn die Speisekarte reichte der Ober selbstverständlich dem männlichen Begleiter, der uns daraus Gerichte vorschlug – damit wir nicht durch die Preise dahinter irritiert würden. Knigge meinte es nur gut mit uns.

Ausländische Gastronomie

Aber nehmen wir an, uns gelüstete nach etwas, das uns an unseren Campingurlaub im Sommer erinnert, oder gar nach etwas wirklich Exotischem. Da mussten wir anno 1954 auch in der Großstadt schon lange suchen. Es gab auf jeden Fall ein paar Italiener, wenn auch noch keine mit Pizza auf der Karte (außer dem Sabbie di Capri in Würzburg). In München gab es außerdem noch zwei China-Restaurants, ein spanisches Lokal namens Madrid und einen Balkan-Grill. Das war es dann aber auch schon. In ganz München!

Mit Hilfe alter Adressbücher lässt sich die Entwicklung der ausländischen Gastronomie in der bayrischen Landeshauptstadt gut nachvollziehen, die hier mal stellvertretend für alle deutschen Großstädte steht. Das erste chinesische Restaurant Wu Guo Liang eröffnet schon 1938 in der Augustenstraße; fünf italienische Gaststätten gibt es da immerhin schon. Dabei bleibt es bis in die Fünfziger Jahre hinein. Erst 1952 kommen als weiteres China-Restaurant das Tai Tung in der Amalienstraße hinzu und der erwähnte Spanier. 1954 gibt es zum ersten Mal eine eigene Rubrik für „Fremdländische Gaststätten“.

In den folgenden Jahren holen die Balkan-Restaurants auf, die damals noch als jugoslawisch firmieren. 1964 wird es noch internationaler an der Isar, mit den ersten französischen Restaurants und sogar schon dem ersten Inder, dem Taj Mahal. Die Bezeichnung Pizzeria kommt im Adressbuch erstmals 1966 vor. Dann macht auch endlich der erste Grieche in München auf, der Rhodos Grill in der Franziskanerstraße. Eher ungewöhnlich ist Ende der Sechziger Jahre die russische Gaststätte Datscha. 1970 folgt ein erstes türkisches Lokal namens Istanbul. Zwei Jahre später sind immerhin schon 14 Nationen kulinarisch vertreten, darunter die Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien.

Wer heute partout rumänisch essen gehen will, muss vermutlich lange suchen. Andererseits gibt es in großenStädten kaum noch eine Landesküche, die nicht präsent ist, von Afghanistan bis Vietnam. Ob wir da 1954 hingegangen wären? Wohl eher nicht. Für so viel Exotik hätte uns dann doch der Mut gefehlt.

Quelle:
Ulrike Zischka u.a. (Hg.): Die anständige Lust. Von Esskultur und Tafelsitten, München 1994