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Cassata, Capri, Dolomiti … die eiskalten Favoriten aus der Zeit meiner Kindheit hatten alle italienische Namen. Und wenn die nächstgelegene Eisdiele nicht Venezia hieß, dann garantiert Rialto oder Rimini. Italienische Eissalons gab es bei uns bereits Jahrzehnte vor der ersten Pizzeria, die 1952 eröffnete. Mobile Eisverkäufer aus den Dolomiten waren sogar schon im 19. Jahrhundert in deutschen Städten unterwegs.

Wer im Ruhrgebiet wohnt, hat noch bis 11. Oktober die Möglichkeit, sich im LWL-Industriemuseum in Bochum eine interessante Ausstellung über die Geschichte dieser Gelatieri anzusehen. Die Exponate stammen aus der Region, neben vielen Fotos auch Eiskarren, Werkzeuge, historische Eismaschinen und die Einrichtung einer Eisdiele aus den 1960er Jahren. Auch wenn es hier um ein Stück Regionalkultur geht, ist es im Grunde die Geschichte aller italienischen Eisverkäufer in Deutschland und auch in Österreich.

Vor 100 Jahren: Eisverkäufer Giovanni Martini in Recklinghausen (Ausstellungsfoto)

Vor 100 Jahren: Eisverkäufer Giovanni Martini in Recklinghausen (Ausstellungsfoto)

Die Heimat der frühen Eismacher, die mit ihren hölzernen Wagen jedes Jahr im Mai oder Juni zu Fuß die Alpen passierten, waren zwei kleine Täler in den Dolomiten, Zoldo und Cadore. Mal heißt es, Mitte des 19. Jahrhunderts sei der Bergbau im Veneto weitgehend eingestellt worden, mal ist die Rede davon, dass Unwetter die Sägewerke der Täler zerstört hätten. Jedenfalls hatten die meisten Männer plötzlich keine Arbeit mehr. Etliche Familien wanderten aus, andere versuchten es mit Saisonarbeit. Das meiste Geld brachten die Eisverkäufer im Winter heim, die um 1860 zunächst in Österreich und Ungarn ihr Glück versuchten. 1865 stand der erste Eiswagen im Wiener Prater, 1874 wechselte er nach Leipzig. Und dann gab es schnell jede Menge Gelatieri, die jeden Sommer bis nach Norddeutschland ausschwärmten.

Zwei oder allenfalls drei Sorten Eis gab es damals bei den ersten Eismännern zu kaufen, Vanille und Erdbeer oder auch Schokolade und Zitrone. Die Eiswaffel war noch nicht erfunden, Pappbecher waren unbekannt. Die Käufer mussten deshalb mit ihrem Eis neben dem Karren stehen bleiben, weil sie den Löffel und das Schälchen zurückgeben mussten. Dafür war es viel billiger als in der Konditorei, wo es ja auch schon Eiscreme gab. Kaum eine Familie besaß früher eine eigene Eismaschine, vor allem gab es keine Gefrierschränke. Selbst 1956 hatten erst 14 Prozent der deutschen Haushalte einen Kühlschrank.

Doch schon bald bemühten sich die einheimischen Konditoren, die unliebsame Konkurrenz wieder aus den Städten zu verdrängen, nach 1900 zunehmend mit Erfolg. Vielerorts verboten die Behörden den Straßenhandel mit Eis. Die fahrenden Händler aus den Dolomiten ließen sich also gezwungenermaßen nieder. Aus Kostengründen konnten sie kein Café anmieten, zumal es im Winter ja leer gestanden hätte, also verkauften sie ihr Gelato im Parterre aus dem offenen Fenster heraus. Damit die Kunden auch über das Sims schauen konnten, legten sie ein paar Holzdielen als Stufe unter das Fenster. Und deswegen sprechen wir noch heute von der Eisdiele.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Anne Overbeck/Dietmar Osses (Hg.): Eiskalte Leidenschaft. Italienische Eismacher im Ruhrgebiet, Klartext Verlag Essen 2009 (19,95 €)