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Rund, prall, leuchtend rot oder gelb-orange und saftig – kein Zweifel, der Genuss dieser kleinen verführerischen Früchtchen konnte ungeahnte Folgen haben. Jahrhundertelang disputierte man in Deutschland, ob die „Liebesäpfel“ nun ein wirksames Aphrodisiakum oder doch eher gesundheitsschädliches Teufelszeug sind. Oder vielleicht auch beides. Und während die wagemutigen Süditaliener schon im 16. Jahrhunderten mit Tomaten in der Küche experimentierten, zögerte man hierzulande bis zum 19. Jahrhundert, bis überhaupt die ersten Rezepte in Kochbüchern erschienen. Bis dahin betrachtete man die Sträucher vor allem als dekorative Zierpflanze. 1930 aß jeder Deutsche statistisch immerhin schon sagenhafte zweieinhalb Kilo dieser exotischen Früchte – pro Jahr!

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Nur langsame Verbreitung

Das Wiener Appetit-Lexikon von Habs/Rosner aus dem Jahr 1898 berichtet, dass die Tomaten Anfang des Jahrhunderts in Österreich und Süddeutschland angekommen waren, während sie in Norddeutschland immer noch nicht recht Fuß gefasst hatten. Im Freien gezogen, fehlte den Pflanzen dort vermutlich die Sonne zur richtigen Reife. Die Autoren loben den Geschmack würziger Tomatensaucen, „aber auch als Gemüse d.h. mit Fleischgehäcksel gefüllt, mit Parmesankäse bestreut und mit Buttersauce serviert, leistet die Tomate Vorzügliches.“ Außerdem könne man sie in Essig einlegen oder eine spezielle „Marmelade“ aus den Früchten herstellen, das so genannte Paradeismark. Geradezu Ungeheuerliches ist Habs/Rosner aber aus dem fernen Ausland zu Ohren gekommen:

In Spanien verspeist man die Tomate sogar roh, indem man sie in horizontaler Richtung in der Mitte zerschneidet und dann beide Hälften mit Salz bestreut; desgleichen stellt man einen frischen Salat daraus her.“

Bei uns sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis die Ersten sich an Experimente dieser Art wagten. Die bodenständige Westfälin Henriette Davidis ließ sich 1845 in der ersten Ausgabe ihres Praktischen Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche auf so etwas noch nicht ein und legte die „Tomattos“ als einzige Zubereitung in Sirup ein. Jahrzehnte später gibt es immerhin schon Tomatensauce und gefüllte Tomaten. Aber keinen Salat.

Das Misstrauen gegenüber diesem dem ungewöhnten Gemüse, das botanisch eine Frucht ist, hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich auch hierzulande gelegt, so dass der Verfasser des Alphabets der Küche 1929 feststellen konnte: „Tomaten werden bei uns viel roh genossen und auch häufig zu Salaten, Suppen und Saucen verarbeitet, als Gemüse dagegen sind sie noch fast unbekannt.“

Altes Rezept für Ketchup

Neben Rezepten für gebackene und gefüllte Tomaten, Salat und Suppe fand die interessierte Hausfrau in diesem Buch auch eine Anleitung zur Herstellung von Ketchup: „Tomatenketchup stellt man her, indem man mit den Tomaten, je nach dem Quantum, in kleinste Stückchen geschnittene Sellerie mitkocht und durchreibt. Dann werden noch nach Geschmack geriebene Muskatnuß, etwas Ingwer, feiner schwarzer Pfeffer, Paprika, Weinessig und Zucker hinzugesetzt. Ist diese dicke Soße fertig, gibt man sie in kleine Flaschen, die am besten mit Ölverschluß versehen und dann zugekorkt werden.“

Experimentierfreudige können dieses Rezept ja mal ausprobieren, aber das Ergebnis dürfte wenig Ähnlichkeit mit dem haben, was wir heute als Ketchup kennen.