Rote Grütze
Posted by Petra Foede on 05 Aug 2009 | Tagged as: Deutschland, Rezepte
Rote Grütze ist vor allem in Norddeutschland eine beliebte sommerliche Süßspeise aus roten Beeren und/oder Kirschen, traditionell mit Milch oder ungeschlagener Sahne gegessen. Wer sie an welchem Ort zuerst gekocht hat, ist nicht mehr festzustellen, aber die Dänen bezeichnen sie gerne als ihr Nationalgericht, und auch in anderen skandinavischen Ländern kennt man sie schon lange. Es könnte also sein, dass es sich um einen Import handelt.
Geschichte
Interessant ist, dass früher keine frischen Früchte in die Rote Grütze kamen, die wurden für „Besseres“ verwendet, sondern ausschließlich der Saft. Von Himbeeren, Johannisbeeren oder Kirschen, nie von Erdbeeren seltsamerweise. Und es kam ursprünglich auf jeden Fall zum Andicken Grütze rein, sprich Getreide. Oft war das Grieß, der im Laufe des 19. Jahrhunderts durch Perlsago oder Stärkemehl ersetzt wurde. Wer weiß heute noch, dass die Grütze mit Fruchtsaft damals eine komplette Mahlzeit war, die zu jeder Tageszeit gegessen werden konnte, also auch zum Frühstück oder als Abendbrot? Es gab auch grüne Grütze mit Stachelbeeren, aber die war weniger populär. Scherzhaft wurde mit Milch gekochter Getreidebrei auch als „blaue Grütze“ bezeichnet.
Der gesellschaftliche Aufstieg der Roten Grütze zum Dessert der Oberschicht fand im 19. Jahrhundert statt, und in dieser verfeinerten Form zog sie in immer mehr überregionale Kochbücher und in die Gastronomie ein. Der Lübecker Schriftsteller Thomas Mann schätzte sie und erwähnt sie in seinem Familienepos Die Buddenbrooks, in dem ja allgemein sehr viel gegessen wird.
Vermutlich stand das erste deutschsprachige Rezept für diesen Nachtisch in einem norddeutschen Kochbuch, aber das feinste habe ich bei der Westfälin Henriette Davidis gefunden. Die Beerensaison ist mittlerweile leider vorbei, aber in vielen Rezepten werden Kirschen als Alternative genannt.
Roter Fruchtpudding („Rote Grütze“)
Zubereitung: Frische Beerenfrüchte wie Himbeeren, Johannisbeeren oder Brombeeren stellt man ohne Wasserzusatz eine Stunde in ein Wasserbad, damit sie Saft ziehen. Dem Saft von 1 ½ l Beeren setzt man ½ l Rotwein zu, sowie 250 bis 300 g Zucker. Man quillt in der Flüssigkeit entweder 150 g Kartoffel- oder Reismehl, 100 g Stärke oder 100 g Sago aus, so daß man einen nicht zu steifen Fruchtbrei erhält, unter den man den Eiweißschnee von 4 Eiweiß zieht und unter den man gern noch ¼ l eingezuckerte frische Beeren mischt. Der Pudding wird in eine gespülte Form gefüllt, nach dem Erkalten gestürzt und mit geschlagener Sahne oder mit Vanillesauce, auch wohl mit dicker, mit Rotwein, Zucker und Rum schaumig geschlagener Sahnesauce gereicht.
Aus: Henriette Davidis/Luise Holle, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche, 37. Aufl. Bielefeld 1898
5 Comments »








Grosses Kompliment für deinen kochhistorischen Blog!
Immer wieder hochinteressant zu Lesen. Und unterscheidet sich so wohltuend von vielen anderen Foodblogs.
@Henriette Davidis
Ich habe ein Kochbuch, Ausgabe 1911, die ich in Ehren halte und in der ich oft mit Vergnügen schmökere.
es freut mich, dass dir mein Block so gut gefällt
Bis jetzt bekomme ich ja relativ wenig Feedback, obwohl ich offensichtlich einige Leser habe
Kulinarische Geschichte ist bei uns eben noch ein ziemlich exotisches Thema, das ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Und nicht jeder, der sich dafür interessiert, liest Blogs
Mein Sohn, 11 Jahre alt, sollte heute etwas aus einem Kinderkochbuch aussuchen zum Nachkochen. Da kam er auch bei Roter Grütze vorbei und wollte das auf gar keinen Fall gut finden, weil der Name so eklig wäre. Klingt so nach “Würg”. Schade, ich finde es total lecker und hätte es gerne mal in Kinderarbeit zubereiten lassen.
ich bin zwar schon erwachsen, aber den namen “grütze” finde ich auch nicht besonders anregend.
deshalb wurde sie von mir auch noch nie zubereitet.
habe allerdings vor 2 jahren mal mehr aus zufall in einem lokal rote grütze bestellt und war angenehm überrascht, wie lecker diese schmeckte.
dass keine erdbeeren in den rezepten (zumindest in den alten)auftauchen liegt wohl daran, dass zu der zeit der waldbeerenreife die erdbeerzeit eigentlich schon vorbei ist.
@Buntcooking und Hanna: Diese Abneigung nur wegen des Namens ist interessant, essen hat halt doch sehr viel mit dem Kopf zu tun – ich esse, was ich denke, dass ich es esse …
Rote Grütze, war die einzige “Grütze”, die ich als Kind kannte, deshalb war das für mich nur ein anderer Name für Pudding, so eine Kreuzung aus Kaltschale und Wackelpudding quasi. Kindern könnte man sie einfach als “roter Fruchtpudding” vorstellen, das ist ja eine historische Bezeichnung. Danke für den Hinweis auf die Walderdbeeren, das wird die Erklärung sein. Ich hab nie welche gepflückt, wir hatten Erdbeeren im Garten.