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Wem fällt bei den Stichworten Französische Revolution und Marie-Antoinette nicht der berühmte Satz ein: „Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen“? Schließlich steht er in nahezu jedem Schulbuch, das dieses Thema behandelt. Die Königin soll ihn gesagt haben, als sie die Nachricht erhielt, dass tausende hungriger Frauen vor der Nationalversammlung in Versailles demonstrierten, damals im Oktober 1789. Ein solcher Satz zeugt von Zynismus und Ignoranz, so die übliche Deutung; die unbeliebte Herrscherin endete 1793 auf der Guillotine.

“Lasst sie doch Kuchen essen!”

marie-antoinette-1786Marie-Antoinette war zwar eine gebürtige Habsburgerin und sprach somit als Muttersprache Deutsch, als Königin der Franzosen aber natürlich Französisch und so lautet das überlieferte Zitat korrekt: „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche!“ Und Brioche ist kein Kuchen, sondern ein weiches Hefebrötchen, das im 18. Jahrhundert kaum Zucker und Butter enthielt und geschmacklich an Weißbrot erinnerte. Die gängige deutsche Übersetzung ist also schon mal falsch. Aber hat Marie-Antoinette diesen Satz überhaupt gesagt? Die klare Antwort: nein, er wurde ihr lediglich von Gegnern in den Mund gelegt, um die Stimmung gegen sie und den gesamten Königshof weiter anzuheizen. In Wirklichkeit kommt dieser Ausspruch im vierten Teil der Bekenntnisse des Philosophen Jean-Jacques Rousseau vor, den er bereits vor 1770 verfasste und Jahre vor der Revolution veröffentlichte. Bei ihm stammt er angeblich von einer nicht namentlich genannten Prinzessin.

Wanderndes Zitat

Seltsamerweise schiebt Ludwig XVIII., also der Schwager von Marie-Antoinette, in seinen Memoiren exakt dasselbe Zitat einer ganz anderen Person zu, nämlich Maria Theresia von Spanien (1638-1683), der Gattin des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Was schließen wir daraus? Das Zitat wurde offenbar im 18. Jahrhundert von einem Autor in Umlauf gebracht und für so originell befunden, dass es wie ein Wanderpokal weitergereicht wurde. Dass es im Original überhaupt von einer historischen Persönlichkeit stammt, ist unwahrscheinlich. Es gibt nämlich schon seit dem Mittelalter ganz ähnliche ironische Redensarten in verschiedenen Ländern. So sagt man zum Beispiel in Spanien „A mengua falta de pan, buenas son tortas“, also „wenn es an Brot fehlt, sind Pasteten gut“.

Die Wiener und das Croissant

Marie-Antoinette wird aber nicht nur mit der Brioche in Verbindung gebracht, sondern auch mit einem ganz anderen Gebäck, dem Croissant. Glaubt man unzähligen populären Veröffentlichungen, dann müssten die Franzosen heute zum Frühstückskaffee etwas anderes essen, hätte die gebürtige Wienerin nicht damals nach ihrer Heirat anno 1770 ihre geliebten Kipferl mit nach Versailles genommen. Oder jedenfalls einen Wiener Bäcker. Und weil die Franzosen nun mal nicht Kipferl sagen können und das Gebäck an einen Halbmond erinnert, machten sie daraus das Croissant, abgeleitet von lune croissant = aufgehender Mond. Ausgehend vom Königshof eroberte das Plunderteig-Hörnchen ganz Frankreich. Jedenfalls die Wiener sind davon überzeugt.

Die Wahrheit sieht allerdings anders aus. Die Wiener Kipferl waren laut Wiener Appetit-Lexikon von Habs/Rosner noch Ende des 19. Jahrhunderts ein ganz schlichtes Hefegebäck, das was Norddeutsche als Milchhörnchen kennen. Also nix Plunder- oder Blätterteig. Das Wort croissant taucht erstmals 1863 in einem französischen Lexikon auf, das erste Rezept mit dieser Bezeichnung stammt aus dem Jahr 1891, beschreibt aber noch ein ganz anderes Gebäck. Für das heutige Croissant gibt es keinen Beleg vor 1905. Da war Marie-Antoinette schon über 100 Jahre tot. Und falls sie bei ihrer Heirat das Wiener Milchhörnchen mit nach Paris genommen hat, dann hat das dort zu ihren Lebzeiten keine Karriere gemacht. Mehr dazu in meinem Buch Wie Bismarck auf den Hering kam.